Politische Utopien in der DDR- Große Transformation und Kapitalismuskritik heute



Am 07.10.2015 fand, im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte, eine Diskussionsveranstaltung zum Thema: "Politische Utopien in der DDR- Große Transformation und Kapitalismuskritik heute" statt.

Auf theoretischer und praktischer Ebene sollten verschiedene politische Utopie- und zivilgesellschaftliche Transformations-Modelle analysiert und ihre Rolle für heutige systemkritische Bewegungen erörtert werden. Es sollten darüber hinaus Impulse für einen zukünftigen Umgang mit politischen Utopien in Theorie und Praxis gegeben werden.

Die Veranstaltung eröffnete der Leiter der UfU, Dr.Michael Zschiesche.

Die Auswahl des Termins, des DDR-Gründungstages, sei mehr oder weniger zufällig erfolgt, so Zschiesche.  Er wies darauf hin, dass die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) kurzfristig die  Förderung für die Veranstaltung zurückgezogen hatte.  Grund dafür war  ein im Programm angekündigter Diskussionsbeitrag  einer Vertreterin der Interventionistischen Linken aus Berlin.  Spontan hatte sich der Träger des Hauses, die Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte, bereit erklärt,  als Mitveranstalter einzuspringen und zusätzliche Räume für die Diskussionsgruppen bereitzustellen.  Dr. Hans-Andreas Schönfeldt, Vorstand der Stiftung, verwies angesichts des Vorfalls darauf, wie notwendig ein derartiges Haus als unabhängiger Ort für den Austausch von Ideen von unterschiedlichen politischen Kräften ist, die ansonsten so kaum aufeinandertreffen würden.  Das Engagement der Stiftung sei auch ein Akt der Solidarität mit einer Forschungseinrichtung, die unmittelbar aus dem ökologischen Zweig der  Bürgerbewegung der DDR hervorgegangen sei. Dr. Zschiesche  bedankte sich für die Bereitstellung des Ideenlabors im Herz des Hauses, des nach dem DDR-Dissidenten Robert -Havemann- benannten Saal.

Und somit startete die Bildungsreise in die Zeit von Harich, Bahro und Havemann, zu ihren Utopiegedanken und ihrer Systemkritik an der DDR, im Lichte der heutigen Frage der Transformation, die von Dr. Alexander Amberger, Utopieforscher und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hellen Panke in Berlin vorgestellt wurde.
In  Wolfgang Harichs Buch „Kommunismus ohne Wachstum“, wird die ökologische Frage durch den  Übergang zum ökologischen Kommunismus in Form eines Weltstaates beschrieben. Demnach würde es in diesem Weltstaat eine zentrale Produktionsverwaltung geben, um Ökozersplitterung und Ökofaschismus zu vermeiden. Die Ressourcen würden somit nicht von Menschen verschwendet, sondern vielmehr gerecht verteilt werden.

Auch in dem Buch "Morgen" von Robert Havemann soll der ökologische Kommunismus den Weg in eine bessere Welt, ohne Ressourcenverschwendung  ermöglichen. In seiner Utopie werden Ressourcen durch eine umweltbewusste Gesellschaft angemessen geschützt. Im Vordergrund von Havemanns Utopie steht  die persönliche Entfaltung des Individuums, anstelle des Funktionierens für das kapitalistische System. Niemand wird gezwungen zu arbeiten und Geld existiert nicht mehr. Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Jeder Mensch stellt in geringen Mengen seinen eigenen Atomstrom her. Havemann war der Überzeugung, dass ökonomische Kommunisten die Atomenergie richtig nutzen und nicht missbrauchen wie die Imperialisten. Alle Menschen sollten  die Welt bereisen können wie sie wollten. Die Revolution wird angestrebt durch Bildung sowie intellektuellen und kulturellen Austausch. Der Mensch sollte so eine aktive Einflussmöglichkeit auf die Geschichte der Menschheit erhalten. Der Kommunismus wird als Leben im Ausgleich zwischen Natur und Mensch in Freiheit beschrieben. Um das zu verwirklichen, brauchte es nach Havemann auch ein ganz neues Bildungssystem.


Alexander Amberger empfahl während seines Vortrags, das Buch von Rudolf Bahro selbst zu lesen, da es sich mit der Kritik am sog. "real existierenden Sozialismus" des damaligen Ostblocks auseinandersetzt. Bahro kritisiert die Herrschaft des Menschen über den Menschen und die Flut der Massenproduktion, also genau das, was wir auch heute noch am kapitalistischen System bemängeln.

Auf die Frage, inwieweit die Bücher heute noch Sinn machen, empfiehlt Dr. Amberger die Bücher von Bahro, Harich und Havemann in einem historischen Kontext zu betrachten, um die derzeitigen Probleme in Bezug auf Ökologie und Wachstum richtig anpacken zu können. Mit den Worten "Wir brauchen richtige Utopien und nicht Dystopien wie die Vorhersage des Weltuntergangs" beendet er seinen Vortrag.

Nach dem Vortrag ging es dann weiter mit der Präsentation: "Das Konzept der Großen Transformation", von Larissa Donges und Lukas Nicolaisen, Bildungsreferenten der Naturfreundejugend Deutschland.

Die Präsentation startet mit einem Zitat von Erich Kästner: " Es geht auf keinen Fall so weiter, wenn das so weiter geht ". Die Erde ist unsere Lebensgrundlage und sie zu bewahren und zu schützen ist unsere Lebensaufgabe. Es wird in der Wissenschaft diskutiert, ob wir im Zeitalter des Holozän leben oder uns schon  im Übergang zum Anthropozän befinden. Wir stehen Problemen gegenüber wie dem Klimawandel, der Ozeanversäuerung, dem Artensterben, dem Flächenverbrauch und der Bodendegradierung. Um die Welt, in der wir leben und in der spätere Generationen leben sollen, nachhaltig zu schützen, ist es wichtig, die Grenzen und Leitplanken zu beachten. In diese ökologische Entwicklung müssen die sozialen und wirtschaftlichen Ebenen mit einbezogen werden. "Great Transformation - den Wandel wagen und gemeinsam anpacken" lautete die Formel dazu.

Um das Menschenzeitalter verständlich zu machen wird im Konzept der Großen Transformation des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung in Globalen Umweltveränderungen (WBGU) angeführt, dass sich die Menschheit nach planetarischen Leitplanken richten und globale Umweltveränderungen sowie, die Transformation zur Nachhaltigkeit fördern muss. Klimaschutz soll demnach im Zentrum des Bewegens  der Menschen liegen. Die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft innerhalb planetarischer Leitplanken soll durch eine wissensbasierte Gestaltung verwirklicht werden. Während der Präsentation wurden noch einige Bücher wie z.B. "Transition" von Rob Hopkins -, mit dem Titel: EINFACH JETZT MACHEN!  empfohlen und vorgestellt.

Lukas ging dann anschließend auf die gesellschaftlichen Hürden und Herausforderungen ein. Der Klimawandel ist durch die Übernutzung der Ressourcen fast nicht zu bremsen. Der Wachstumsgedanke steckt in unserer Vorstellung über uns selbst. In vormodernen Gesellschaften herrschte göttlicher Wille. Die Industrialisierung schaffte eine Art schichtübergreifende biographische Mobilität. Menschen wurden somit „frei“ und wurden ihres Glückes eigener Schmied. Die Geschichte der Disziplinierung begann mit der Individualisierung. Pünktlichkeit und Fleiß wurden und werden noch heute mit der Erziehung, jedem Kind anerzogen, um für die Industrie zu funktionieren.

Wir leben schließlich in einer Leistungsgesellschaft, nach dem Motto, "Ich mache heute was, damit ich morgen woanders bin". Die Wirtschafft produziert heute um zu produzieren und sie produziert im Überfluss. Um das Ziel der Transformation zu erreichen, müssen die Ebenen der Bildung und Erziehung der Menschen, der Liebesbeziehungen, der Geschlechterrollen, der Eltern-Kind-Beziehungen, usw. verändert werden, sagte Lukas. Man sollte deshalb das mehrdimensionale Spannungsfeld in dem Bereich gründlich analysieren, um die Blockademechanismen und Rahmenbedingungen zu verstehen. Mit den Worten: “Wir müssen alle Akteure der Transformation werden“ beendete er seinen Vortrag.

Anschließend stellten sich Anna Dohm, Politikwissenschaftlerin und zwei weitere Aktivisten aus der Interventionistischen Linken Berlin vor und gingen auf die Kapitalismuskritik und die Utopiegedanken in der zivilgesellschaftlichen Bewegung unserer heutigen Zeit ein. Die Interventionistische Linke beschäftigt sich anhand konkreter Beispiele mit dem Konzept der Vergesellschaftung. Das bedeutet, dass viele Bereiche der sogenannten Daseinsvorsorge zurück in Gesellschaftshand kommen und nicht mehr in privaten Händen liegen.  Auf die Frage, ob es überhaupt eine Utopie braucht, um die Welt zu verändern, antwortete die Vertreterin der IL, dass nicht unbedingt eine Utopie nötig ist, um Dinge anzupacken und nachhaltig positiv verändern zu können. Sie empfiehlt den Schritt heraus aus der Leistungsgesellschaft und aus der Selbstkollektivierung. Ihr Ziel ist es, den Antikapitalismusgedanken und das Vergesellschaftungskonzept  weiterzutragen und in den Transformationsprozess zu integrieren.

Zum Ende der Veranstaltung wurden zwei Arbeitsgruppen gebildet, die Rolle von Utopiegedanken in Theorie und Praxis näher zu diskutieren und Impulse für ihre Ausgestaltung in zivilgesellschaftlichen Veränderungsprozessen herauszuarbeiten. Die erste Gruppe behandelte die "Utopische Theorie" und die Große Transformation auf gesellschaftlichen Ebene. Die Debatte belief sich dabei auf die Rolle der Gemeinschaft und des Individuums. Fragen wie: „Was ist Transformation?, oder die Benennung von Vorschlägen und Hindernissen eines breiten gesellschaftlichen Transformationsprozesses" wurden gemeinsam erarbeitet. "Neues" (utopisches Denken), müssen die richtigen Fragestellungen aufwerfen, z.B. „was sich Politik und Wissenschaft bezüglich einer fundamentalen Systemkritik zutrauen Oder was für konkrete politische und wissenschaftliche Mittel für systemische Veränderung geben sollte, von einer Grundgesetzänderung bis hin zur Subventionspolitik“.
In der zweiten Gruppe wurden hingegen die utopische Praxis, Lebensentwürfe und politische Radikalität als konkrete Utopie und Motoren des Wandels in zwei Diskussionssträngen behandelt. Der erste Strang umfasste das politisch gesellschaftliche Potential von alternativen Lebenskonzepten, durch Entsagung oder Anpassung zur Transformation. Zum zweiten Strang gehörten Fragen nach gesellschaftlicher Transformation und politischer Utopie "von unten". Kritisch wurde der linkspolitische Aktivismus als Mittel des Systembruchs hinterfragt und weitergefragt, ob Radikalität und Systembruch im Hinblick auf heutige Machtverhältnisse nicht schon an sich Utopien darstellten. Als letztes wurde gefragt, inwieweit die zivilgesellschaftliche Bewegung als Gegenspieler von Politik und Kapital betrachtet werden könne.

Zum Endgültigen Abschluss der Veranstaltung wurden die Gruppenarbeit beider Seiten zusammengetragen, offene Fragen geklärt und ein abschließendes Fazit gezogen. Damit endete die lange und intensive Bildungsreise im Haus der Demokratie und Menschenrechte am 07.10.2015, dem 76`ten Geburtstag der DDR.

Wir hoffen, dass dieser Bericht unseren Lesern die Lust am Mitdiskutieren geweckt hat und freuen uns, wenn wir euch zu unserer nächsten Bildungsreise mitnehmen können.

Bericht:
Ezgi Özcan




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